Wer die Kanzlerin hört muss davon ausgehen, dass das Leben in Deutschland noch eine Weile stark limitiert sein wird. Was aus dem Einzelhandel werden soll, wenn weiterhin die Läden geschlossen bleiben, will man sich gar nicht ausmalen. Einstweilen werden erst einmal Mietzahlungen ausgesetzt. Und hier ist eine Kleinstadt vorbildlich.

Es ist die Zeit der Appelle, Mahnungen, Forderungen, Initiativen und Prognosen. Und dabei haben wir gerade die erste Woche des Kontaktverbots hinter uns, inklusive heruntergefahrenem Einzelhandel. Trotzdem ist bereits viel passiert, und das freut erst einmal die Mitarbeiter im Lebensmittelhandel, die jetzt statt vieler warmer Worte und Solidaritätskitsch von Fußballfans endlich auch etwas Handfestes für ihre Schufterei bekommen: Rewe schüttet 20 Millionen Euro zusätzlich ans Personal aus, die Leute von der Discounttochter Penny gehören hier dazu. Bei Lidl und Kaufland, Aldi Nord, Real und dem Drogeriefilialisten Rossmann stehen ebenfalls Sonderzahlungen ins Haus. 

Geschäft geschlossen, Umsatz weg – greift jetzt eine Versicherung?
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Corona-Krise

"Das Überleben ist für kleinere Händler eine Frage von Tagen, nicht von Wochen."

Real, das letztens erst an den russischen Investor SCP verkauft wurde, wirft sich gleich in die große Pose: "Unsere Mitarbeiter leisten derzeit einen herausragenden Beitrag zur Sicherung der Grundversorgung in Deutschland." Das klingt nach Samaritertum, doch auch die SB-Warenhäuser erzielen halt in diesen Krisenzeiten gigantische Umsätze, sodass man sich bei SCP auf die Schenkel schlagen dürfte. Sie haben das abgewirtschaftete Real für einen Spottpreis der Metro abgekauft - und plötzlich brummt das Geschäft. Schönen Gruß an das Virus. 
Applaus von der Süddtribüne: Da freut sich aber die Edeka-Kraft, wenn sie von sich wichtig nehmenden Fußballfans angespornt wird.
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Applaus von der Süddtribüne: Da freut sich aber die Edeka-Kraft, wenn sie von sich wichtig nehmenden Fußballfans angespornt wird.
Das soll es aber auch schon gewesen sein mit Corona-Witzchen, denn so etwas hat die deutsche Handelsbranche jenseits von Lebensmitteln und Drogerien nicht verdient. Media-Markt hat für 20.000 Mitarbeiter Kurzarbeitergeld beantragt, und was gar aus Galeria Karstadt Kaufhof werden soll, das malt man sich besser nicht aus. Dann wird es nichts aus dem schönen Plan von Eigner René Benko, mit erneuerten Warenhäusern die Innenstädte zu beleben. Alle 174 Standorte sind derzeit geschlossen - und wer weiß, wie viele nach der Corona-Krise wieder geöffnet werden. Die rund 30.000 Mitarbeiter schauen in diesen Tagen erst einmal bang auf ihre Konten, ob für den März Zahlungseingang vermerkt ist. "Sind die Gehälter sicher?", fragt die Textilwirtschaft - und hat bisher vom Unternehmen keine Antwort bekommen.

Wenn das Warenhauskonglomerat jetzt angeblich Staatshilfe beantragt haben soll, wie die Lebensmittel Zeitung meldet, dann wäre das vielsagend.

Was sich alle fragen: Wann beginnt der Zeitraum "nach der Krise"? Ende kommender Woche, wenn die Kontaktsperre aufgehoben wird? Oder wird sie gar verlängert bis über Ostern hinaus? Das scheint wahrscheinlich zu sein, wenn man Bundeskanzlerin Angela Merkel zuhört, wenn diese "sehr klar sagen will, dass im Augenblick nicht der Zeitpunkt ist, über die Lockerung dieser Maßnahmen zu sprechen". Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil sagt: "Wir können gar nicht über Lockerungen reden, wenn wir nicht einen wesentlichen Rückgang bei den Infektionsfällen feststellen." Immerhin sagt er auch, dass man das gesellschaftliche Leben nicht auf Dauer "tiefkühlen" könne. 

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Nicht nur einen Mann wie Daniel Terberger dürften solche Sätze in den Wahnsinn treiben. Als Chef der Verbundgruppe Katag war er in dieser Woche Unterzeichner eines Hilferufs von dreizehn Textilunternehmen an die Bundesregierung. "Die Lage ist existenzbedrohend", sagte Terberger der Süddeutschen Zeitung. "Immer mehr Ware drückt in die Läden, dabei viele Händler noch nicht einmal genug Platz, um die Kartons zu lagern." Tja, es wurde halt vor einigen Monaten die Frühjahrskollektion bestellt, und jetzt wird geliefert. 

"Beantragen Sie doch Überbrückungskredite", werden Schlaumeier raten. "Holen sie sich Geld über die KfW." Na klar, kein Problem. Bei einer Bank werden sie nur noch schnell wissen wollen, wann man den Laden wieder aufsperren darf, man will ja auf Nummer sicher gehen. Tja, äh, keine Ahnung. Das wars dann.

Zudem wird bei der Flut an Anträgen die Bearbeitungszeit bei den Geldinstituten gewiss etwas länger sein als sonst. Es ist ein Debakel. Zwei bis vier Wochen halten die meisten Händler noch durch, glaubt Terberger, vielleicht schaffen sogar ein paar Spitzenunternehmen zwei Monate. Und dann? Ladenschluss? 

Damit es Deichmann nicht so geht, zahlt Deutschlands größter Schuhhändler für seine 1.200 Filialen keine Mieten mehr - so lange, wie die Läden von Amts wegen geschlossen sein müssen. Eigentümer dieser Immobilien sollten sich die Worte des Bürgermeisters von Wolfratshausen Klaus Heilinglechner beherzigen, der in einer Videobotschaft dazu aufrief, dass Vermieter mit ihren Mietern das Gespräch suchen sollen. Und mit gutem Beispiel vorangehend, kündigte er an, dass er den Mieter von städtischen Gewerbeimmobilien ab sofort die Miete stunden werde. 

Von Wolfratshausen lernen

Wenn es nur überall so einfach wäre. Zuweilen gehört die Häuserzeile halt einer Investmentgesellschaft mit Sitz auf den Bahamas, und die schert sich einen Teufel um das Wohlergehen eines Händlers in Deggendorf, Schwerin oder Kassel. Aber es gibt ja auch die kleinen Fälle, bei denen jemand an einen Kiosk oder ein Ladenlokal vermietet hat, um seine Rente aufzubessern. Solche, die etwa einst an Schlecker vermietet hatten und mit der Pleite des früheren Drogerieimperiums schon einmal in die Röhre geguckt hatten.

Der chinesische Onlinehandel ist eine Macht
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Onlinehandel

Folgen der Corona-Krise: "Die Chinesen werden die Marktplätze fluten"

Aus den Fugen geraten ist auch das Logistiksystem, so sehr sich auch alle Teilnehmer anstrengen, die Arbeit ordentlich zu erledigen. Die Bundesvereinigung Logistik (BVL) informiert in regelmäßigen Podcasts über die Lage in der Branche. Doch die ist weniger gut als viele glauben, beschreibt das Fachmagazin Eurotransport. Zitat: "Eigentlich ist es eine tolle Leistung von Handel und Logistik, die Waren, die an der Kasse sofort elektronisch nachbestellt werden, über Nacht wieder neu anzuliefern. Das wird jetzt zum Bumerang. Denn die Lager des Einzelhandels sind dafür nicht ausgerichtet. Die Spedition March aus Rheinbach etwa berichtet jetzt von stundenlangen Wartezeiten, egal bei welcher Kette. Die Fahrer dürfen gar nicht mehr ins Lager, dort aber fehlen die Mitarbeiter zur Entladung. 
Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und Etailment
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Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und Etailment
Und weil die Lkw nun reihenweise aus dem Takt kommen, passen auch keine Rückladungen mehr. Manchmal aus dem simplen Grund, dass die Hersteller ihre Ware bereits losgeschickt haben. Fahrer berichten, dass sie mit beladenen Lkw etwa von Amazon oder Edeka wieder zurückgeschickt werden. Die oftmals üble Nachrede, dass die just-in-time Logistik nur bedeutet, dass die Straße das rollende Lager ist, trifft nun in der Krise voll ins Schwarze." Zitat Ende. 
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Stimmt eine Nielsen-Studie über das Einkaufsverhalten der Menschen, kann es aber nicht mehr schlimmer kommen, denn wir befinden uns in Phase 5, der letzten im Krisenmodus', und die bedeutet eingeschränktes Leben: Onlineshops werden noch mehr belastet, die Verbrauchern haben immer mehr Angst vor steigenden Preisen für begehrte Waren. 

Aber wann ist Phase 5 zu Ende? Und was kommt danach?

Vielleicht ist es dann so:

1. Der stationäre Einzelhandel, der sich irgendwie durch diese Krise retten kann, das richtige Sortiment anbietet und nicht jeden guten Mitarbeiter entlassen hat, wird von den Konsumenten überrannt.
2. Die vielen Kunden, die jetzt erst den Onlinehandel entdecken und merken, dass man dort sogar auch viel billiger Medikamente einkaufen kann, werden diesem Kanal treu bleiben.

Nach großen, schlimmen Ereignissen, werden immer große Sätze gesagt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sollte die Welt eine andere werden, nach dem Selbstmord des Torhüters Robert Enke wurde ein anderer Profifußball angemahnt. Alles verpufft. Aber dass nach dem Ende der Corona-Krise vieles anders sein wird, ist keine gewagte Prognose. Vor allem nicht für den Einzelhandel - und das nicht nur in Deutschland.

Phase 6 ist für Nielsen die Rückkehr zum normalen Leben. Was immer dann noch "normal" sein wird.

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