Plattform-basierte Start-ups zeigen, wie Versand und einwandfreies Fulfillment auch für kleine Unternehmen gelingt.

Kaum ein stationärer Händler kommt am Online-Vertrieb vorbei. Der Weg ist gerade für kleinere Unternehmen mühsam. Hat der Kunde seinen Shop gefunden und bestellt, hängt die Zufriedenheit wesentlich vom einwandfreien Fulfillment ab. Sie erwarten heute eine prompte und sichere Lieferung, die Information vorab, in welchem Zeitfenster das Paket voraussichtlich geliefert wird sowie eine einfache Retourenregelung.
etailment.de
Morning Briefing
Ihren News-Espresso für den Tag kostenlos bestellen
 
Die Komplexität im E-Commerce und in der Logistik wird weiter zunehmen. „Es ist ganz entscheidend, dass Händler und Marken die Fähigkeit haben, sich diesen schnellen Veränderungen anzupassen“, betont Christian Athen, CEO des Start-ups Ondemandcommerce, kurz Odc.
Christian Athen, CEO von odc
© odc
Christian Athen, CEO von odc
Große Unternehmen investieren selbst in logistisches Know-how und Technik. Für kleinere und mittlere Händler ist das eine Hürde. Odc, ein Start-up aus dem Hause der Otto Group, hat sich auf diese Klientel spezialisiert. Das Team um Geschäftsführer Athen startete 2018 und bietet eine Plattformlösung für Fulfillment und Retouren ab einem Paket – ohne monatliche Grundgebühren oder Set-up Kosten. Abgerechnet wird nach Volumen. Das klingt für Start-ups wie stationäre Händler, die ihr Online-Geschäft starten oder ausbauen wollen, nach einer praktikablen Lösung, mit der sie wachsen können.

Kleinen Unternehmen fehlt Logistik Know-how

Zur Wahl stehen drei Servicepakete, die sich vor allem durch den Grad persönlicher Betreuung und exklusiver Versandraten unterscheiden. Nach dem Onboarding kann es losgehen. Zunächst müssen Artikeldaten importiert werden, die via Dashboard vom Kunden eingesehen und angepasst werden können. Sobald Ware bei Odc eingetroffen ist, kann der Händler über das Dashboard den Bestand wie die wichtigsten Kennzahlen und Bewegungen seiner Ware nachverfolgen. Auch Retouren werden darüber gemanagt.

Die Nachfrage ist groß, 180 Unternehmen nutzen bereits das Angebot. Darunter sind Kunden mit rund 5 000 Sendungen pro Monat. Der typische Kunde startet meist mit bis zu 100 Paketen. Die Sortimentsbandbreite reicht vom Food Trockensortiment, Nahrungsergänzung über Fashion und Schuhe bis zu Accessoires.

Gerade der Foodbereich mit boomenden Food-Start-ups wird von Odc genau beobachtet. Auch hier wittern die Hamburger Potenzial. Vorstellbar ist für sie daher auch ein Standort für Kühlprodukte. Und möglicherweise wird Odc bereits im nächsten Jahr den Versand von gekühlten Produkten anbieten. Die Achillesferse ist die letzte Meile. Dafür müssen verlässliche Partner gefunden sein.

Odc hat mittlerweile seine Kapazitäten an fünf Standorten um 85 Prozent auf rund 40 000 Quadratmeter Lagerfläche ausgebaut, ein weiterer Standort wird im Frühjahr 2020 dazukommen. Parallel ist die Zahl der Mitarbeiter auf knapp 40 gewachsen. „Das Sendungsvolumen liegt aktuell im mittleren fünfstelligen Bereich“, erklärt Athen.

Raus aus der Garage, rein in die globale Logistikwelt

Odc hat über Ländergrenzen hinweg Warehouse-Partner, so dass dem europäischen Handel über die Plattform keine Grenzen gesetzt sind. Das ist nicht nur für kleinere Unternehmen verlockend.

Die Technik funktioniert schnell und reibungslos. Viel aufwändiger sind jedoch die Prozesse. Denn kleinere Unternehmen haben häufig einen Nachholbedarf bei der Digitalisierung ihrer Abläufe. Start-ups, die von Beginn an ihre Strukturen aufbauen, sind zum Teil sehr aufgeräumt und liefern eine einwandfreie Datenqualität, ist die Erfahrung von Odc. Auch größere Unternehmen bringen in der Regel das logistische Know-how mit.

Kleineren Unternehmen dagegen fehlt eine logistische Vorbildung – sie war häufig bislang nicht gefordert. Sie sind mit hohem manuellem Einsatz gewachsen. „Manuelle Prozesse sind nur begrenzt skalierbar. Wir als Dienstleister helfen unseren Kunden dabei zu digitalisieren und schaffen damit eine der Voraussetzungen zur Skalierung des Geschäfts“, erklärt Athen. Odc ermöglicht digitale Prozesse, macht Schnittstellen zugänglich und unterstützt den Kunden bei seinem Weg, raus aus der Garage, rein in die globale Logistikwelt’. „Der Bedarf ist bei kleineren, mittleren und sogar größeren Unternehmen hoch“, ist Athen überzeugt.

Bevor es losgehen kann, müssen Themen wie die Datenqualität geklärt sein. Ein neu aufgebautes Client Success Management Team startet bereits vor Vertragsabschluss und erörtert mit dem Kunden beispielsweise, wie die Anlieferung erfolgt, wie ausgezeichnet wird oder kümmert sich auch mit dem Kunden darum, dass dessen Datenqualität angepasst wird, so dass Logistik möglich wird.

Wer über den Amazon-Marktplatz handeln will, sieht sich mit sehr detaillierten Anforderungen konfrontiert. „Die Aufbereitung der Ware für das Fulfillment durch Amazon ist aufwändig, alles muss dabei hundertprozentig stimmen“, weiß Athen. Er ist überzeugt, dass auch bei anderen Marktplätzen differenzierte Vorgaben zunehmen werden. Deshalb denkt das Start-up daran, markplatzspezifische Dienstleistungen auszubauen und als zubuchbare Pakete anzubieten.

Kundenzufriedenheit mit Kommunikation steigern

Ein weiterer Service könnte die Paketverfolgung mit Versandnachrichten zum Paketstatus sein, um das Kundenerlebnis bis zum Erhalt der Ware zu verbessern. Dafür gibt es Spezialisten wie Parcellab, die dem Händler die Möglichkeit bieten, die Customer Journey nach dem Kauf zu steuern.

Das 2014 in München gegründete Unternehmen floriert. Gerade hat es die Serie-B-Finanzierungsrunde mit mehreren Millionen Euro abgeschlossen, mit illustren Investoren wie Coparion und Capnamic Ventures. Mit diesem Geld sollen Technik und Mitarbeiterstamm an den Standorten München und London deutlich ausgeweitet werden, um europäisches Wachstum voranzutreiben.

parcelLab in einer Minute

Um nach dem Kauf eine möglichst frohe Erwartungshaltung beim Kunden aufrecht zu erhalten und ihm ein rundherum positives Einkaufserlebnis zu bieten, können per Parcellab Kunden über jeden Schritt informiert werden, vom Versand über die Avisierung der Zustellung oder den Grund einer Verzögerung.

Als Trost kann auch ein Gutschein mitgeschickt werden, um so die Laune zu heben, den Kunden zu binden und zu neuen Einkäufen zu animieren. Wer über welche Kanäle und in welcher Tiefe Informationen erhält, legt der Versender über ein Dashboard selbst fest. Zu den Kunden zählen neben Ikea beispielsweise auch MediamarktSaturn. Der Einsatz von Parcellab hat sich für sie gelohnt.

Versand ohne Grenzen ins europäische Ausland

Das 2015 in Berlin gegründete Start-up Seven Senders hat sich auf den Cross-Border Versand für Händler mit einem Versandvolumen ab 50 Paketen pro Tag spezialisiert. Denn „der globale Versand wird kräftig wachsen“, ist Gründer und Geschäftsführer Johannes Plehn überzeugt.
Die Seven Senders Gründer Johannes Plehn (li.) und Thomas Hagemann
© Seven Senders
Die Seven Senders Gründer Johannes Plehn (li.) und Thomas Hagemann
Für das eigene Wachstum wurde kräftig Geld gesammelt. Die Series A Finanzierung schloss Seven Senders mit 6,5 Millionen Euro ab, diesen Sommer folgte Series B mit weiteren 16 Millionen Euro für ihre Expansionsvorhaben. Erst im vergangen Jahr hat das Unternehmen einen Standort in Paris eröffnet, die Organisation verbleibt jedoch im Berliner Büro mit mittlerweile 120 Mitarbeitern.

Der Ansatz: Ein Ansprechpartner für den End-to-End Paketversand, Lieferung innerhalb von ein bis vier Tagen ins europäische Ausland (je nach Carrrier-Lösung im Empfängerland) und „dies rund 30-35 Prozent günstiger als marktüblich“, erklärt Johannes Plehn. Kunden wie Flaconi, Westwing oder Thomann werden via Schnittstelle angebunden und der Datenaustausch kann beginnen – das funktioniere gut.

Seven Senders lässt täglich die beim Kunden bereitgestellten Pakete abholen, bündelt die Touren für einzelne Länder und sorgt für den passenden Zusteller vor Ort. Je nach Land differieren die Anforderungen deutlich. In Italien beispielsweise sei die Bezahlung per Nachnahme direkt an der Haustür nicht wegzudenken, dafür muss ein kompetenter Carrier gefunden werden.

Um Endkunden auf dem Laufenden zu halten, hat Seven Senders eine eigene Software entwickelt mit Features wie Tracking und Versandnachrichten. Der Versender hat die Möglichkeit individuelle Voreinstellungen für Optik, Details von Benachrichtigungstexten selbst vorzunehmen. Auf Wunsch erhält er aufbereitete Versanddaten für die eigene Analyse. Weitere Servicemodule der Software sind Beschwerdemanagement, Versicherung und Retouren. Auch darüber hinaus machen die Berliner vieles möglich. „Wenn ein Kunde einen nachhaltig arbeitenden Zusteller in den skandinavischen Ländern sucht, können wir das bedienen“, erklärt Plehn.

Aktuell verarbeiten die Berliner monatlich ein siebenstelliges Paketvolumen. Noch kommen mehr als die Hälfte der Auftraggeber aus Deutschland, die vor allem nach Österreich, Frankreich, Italien und in die Schweiz liefern. „Starke E-Commerce-Länder sind Frankreich und die Beneluxländer“, erklärt Plehn und fügt wegen des Brexit mit einem Zögern auch Großbritannien hinzu. Diese Märkte möchte man nicht verpassen. Parallel beobachtet Seven Senders bereits den asiatischen und den amerikanischen Markt.

Der Beitrag erschien zuerst in der Print-Ausgabe von "Der Handel".

AUCH INTERESSANT:

© IRINA SHI - shutterstock.com
Whitepaper

Vernetzte Mobilität für die Flotte


© Comarch
Anzeige

5.000 Kassen zentral gesteuert - Omnichannel Commerce mit Comarch


Marktplätze erleichtern auch den Zugang zu mobilen Kunden.
© daviles - fotolia.com
Whitepaper

Google Shopping und Co: Die Marktplätze und ihre Umsatzhebel