Leere Regale treiben dem Handel Schweißperlen auf die Stirn. Ein Nadelöhr für den Nachschub – die Logistik. Die Branche hat sich schnell auf die Corona-Krisenzeiten eingestellt, das Versandvolumen nimmt bereits Vorweihnachtsniveau an. Mit dem Produktionsstart in China erwartet die Branche eine neue Welle. Die größte Herausforderung ist aber: Die Mitarbeiter müssen gesund bleiben.

Die Bürger sitzen nicht entspannt auf dem Sofa, um die heimische Quarantäne fürs Onlineshopping zu nutzen. Sie halten sich zurück – und das könnte noch ausgeprägter werden. Denn erst seit Anfang April wird für viele Arbeitnehmer die volle Wucht der Krise für sie persönlich deutlich  –  Unternehmen melden Kurzarbeit an, freiwillige Leistungen wie Urlaubsgeld oder Fahrtkostenzuschüsse werden gestrichen.

Das geschrumpfte verfügbare Einkommen bedeutet Konsumverzicht. Schon jetzt meldet der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) einen Einbruch des E-Commerce im März um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Versandvolumen wächst kräftig

Parallel verzeichnen Logistikunternehmen wie Hermes, Deutsche Post DHL Group (DPDHL), Ondemandcommerce (ODC) oder Liefery massive Steigerungen. Entsprechend BEVH haben aktuell nur Online-Anbieter Freude, die Lebensmittel, Drogeriewaren, Medikamente und Do-it-yourself- beziehungsweise Baumarkt-Sortimente führen. Doch auf unseren Straßen werden nicht nur Bastelsets, Hygieneprodukte und Medikamente transportiert.

Noch vor wenigen Wochen kamen aus China nahezu keine Produkte – weder Bauteile noch Sortimente für den Einzelhandel. Für die davon abhängigen Branchen war das ein Desaster.

Der chinesische Onlinehandel ist eine Macht
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Onlinehandel

Folgen der Corona-Krise: "Die Chinesen werden die Marktplätze fluten"

Die Frachtraten waren deshalb Anfang des Jahres ständig in Bewegung. Da auch in der Luft nicht mehr viel ging, startete der Logistikzweig von Alibaba, Cainiao, kurzerhand mit fünf Fracht-Charterflügen pro Woche zwischen den Electronic World Trade Platform (eWTP) Standorten Hangshou und Kuala Lumpur.

Parallel wurde ein grenzüberschreitender Logistikdienst eingerichet, der bei der Lieferung von Kleinwaren in über 200 Länder helfen soll – zusätzliche Kosten übernehmen in Europa Cainiao und AliExpress.

Produktion läuft in China wieder an – stagniert in Europa und USA

Nachdem in China nun wieder die Fabriken angelaufen sind, ist die Logistik in Europa wieder stärker gefordert. "Wir registrieren steigende Sendungsvolumina", erklärt Sarah Preuß, Pressesprecherin der Deutsche Post DHL Group (DPDHL). "Im Gegensatz hierzu reduzieren jedoch Industrien in Europa und Amerika Produktionen oder stellen diese ganz ein. In Großbritannien zum Beispiel verzeichnen wir einen deutlichen Anstieg des Auftragsvolumens in unserer Geschäftseinheit, die beispielsweise Supermärkte und  Drogeriemärkte beliefert."

Die Logistikunternehmen haben ihre Prozesse umgestellt, Mitarbeiter sind soweit wie möglich im Home Office, Kundenbegegnungen auf kontaktlose Optionen umgestellt und die Arbeitsteams bleiben streng getrennt, um Ansteckungen begrenzt zu halten.

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Christian Athen, Gründer und Mitgeschäftsführer von Ondemand commerce, das Logistik-Start-up mit Fulfillment der Otto Gruppe, ist gerade im Black Friday Modus. Anders als noch im Februar sei die Nachfrage im März sehr dynamisch.

Händler suchen neue Wege – und neue Dienstleister

"Wir haben gegenüber Februar ein Wachstum von rund 40%", erklärt der Gründer. Dass dies gut zu bewältigen ist, liegt unter anderem daran, dass die Prozesse im Unternehmen schon immer komplett digital laufen. "Nur die Hygienevorschriften nehmen etwas Produktivität raus", ergänzt Athen, doch sei das keine relevante Einschränkung. Gerade hat das Unternehmen in Eisenach (Thüringen) einen weiteren Standort in Betrieb genommen. Die Multi-User-Fläche umfasst insgesamt 60.000 Quadratmeter. ODC nutzt einen Teil davon und kann bei Bedarf aufstocken.
Bei Ondemandcommerce (ODC) hat das Paketvolumen im März gegenüber Februar um 40 Prozent zugenommen.
© ODC
Bei Ondemandcommerce (ODC) hat das Paketvolumen im März gegenüber Februar um 40 Prozent zugenommen.
Der direkte Krisenmodus flacht bei vielen Unternehmen bereits wieder ab, jetzt werden aktiv neue Wege gesucht. ODC brachte dies im vergangenen Monat 30% mehr Anfragen. Vor allem bei großen Handelunternehmen mit Filialnetz rückt Online-Commerce ganz oben auf die Agenda, erlebt Athen.
Christian Athen, Gründer und CEO von Ondemandcommerce
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Christian Athen, Gründer und CEO von Ondemandcommerce
Zudem beobachtet er, dass einige Händler, die online ausschließlich auf Amazon gesetzt hatten, die Abhängigkeit spürten, als die Plattform zeitweise das Fulfillment aussetzte. Sie suchen nach Alternativen. Doch ODC will nicht nur kurzfristig der Lückenbüßer sein sondern setzt auf langfristige Partnerschaften.

Das Geschäft läuft so lange reibungslos, so lange Zusteller wie DHL, Hermes und Co. funktionieren. In den letzten Wochen haben alle den Prozess auf kontaktlose Paketübergabe in Höchstgeschwindigkeit umgestellt. Die Achillesferse: Hauptsache die Mitarbeiter bleiben gesund.

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Auch für das Start-up Liefery an dem mehrheitlich Hermes beteiligt ist, ist das eine der Hauptherausforderungen. "Es ist zwingend für die Sicherheit der Kuriere und Empfänger zu sorgen und gleichzeitig dem anhaltenden Wachstum mit unserem Qualitätsanspruch nachzukommen", eklärt Nils Fischer, Mitbegründer und CEO von Liefery.

Liefery vereinfacht für Händler den Einstieg in den Versand

Denn mit Beginn der Ausgangssperre haben die Lieferspezialisten einen enormen Wachstumssprung in den schon wachstumsstarken Segmenten Lebensmittel-, Apotheken- und Kochboxenlieferungen erlebt. Und das wird weitergehen. Um für kleine wie große Händler Prozesse so einfach wie möglich zu machen, ging gerade ihr Ship-from-Store Service an den Start.
Nils Fischer, Mitbegründer und CEO von Liefery
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Nils Fischer, Mitbegründer und CEO von Liefery
"Kunden können sich entweder über eine API-Schnittstelle mit unserer IT-Plattform verbinden und gesammelte Bestellungen per CSV-Datei hochladen oder die Buchungsplattform nutzen", erklärt Fischer. So können Händler innerhalb einer Stadt die Zustellung am selben Tag garantieren und bundesweit am nächsten Tag.

Die Verlässlichkeit der Zustellung auf der letzten Meile funktioniert besser als mancher erwartet hatte. Auch bei DPDHL gehe die deutsche Brief- und Paketzustellung ohne betriebliche Einschränkungen weiter. Mittlerweile hat auch deren Versandgeschäft seit Ende März bereits Vorweihnachtsniveau erreicht.

Aufgrund der aktuellen Reiseeinschränkungen und der Feiertage rechnet Preuß mit weiter steigenden Zahlen. "Daher setzen wir jetzt alles daran, die Kapazität weiter hochzufahren. Dazu wollen wir auch vermehrt Kollegen aus anderen Bereichen, wie dem Brief- oder Landfrachtgeschäft, einsetzen", erklärt die Pressesprecherin.

Geschäft geschlossen, Umsatz weg – greift jetzt eine Versicherung?
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"Das Überleben ist für kleinere Händler eine Frage von Tagen, nicht von Wochen."

Gerade kleine Händler sind besonders von der Schließung ihrer Geschäfte betroffen. Deshalb startet DHL an diesem Dienstag die Intitiative „DHL lokal handeln“. Geschäftsinhaber erhalten Hilfe, die über das reine logistische Handling hinaus geht. Sie erhalten Unterstützung, bei Fragen wie sie ihre Waren an ihre Kunden versenden und ihr Produktangebot online verfügbar machen können.
DHL schafft mit der Initiative "DHL lokal handeln" Unterstützung für kleinere Händler.
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DHL schafft mit der Initiative "DHL lokal handeln" Unterstützung für kleinere Händler.
Namhafte E-Commerce-Unternehmen beteiligen sich an der Initiative – unter anderem Zalando, schuhe24 und ebay - und stellen ihre Plattformen den Einzelhändlern zu günstigen Konditionen zur Verfügung.

Damit überhaupt Kunden in der Region von den neuen Angeboten des jeweiligen Einzelhändlers erfahren, stellt die Deutsche Post ihr Know-how bei der einfachen und kostengünstigen Erstellung von regionalisierten Mailings zur Verfügung. Voraussetzung: Man muss sich als Geschäftskunde registrieren und ein Sendungsvolumen von 200 Pakten im Jahr rechnen. Das könnte in diesen Zeiten zu toppen sein.


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